Am Montagmorgen war unser erstes Ziel das Niedersächsische Landeskrankenhaus (NLKH) Moringen, in welchem Menschen mit psychischen Störungen, die strafrechtlich eingewiesen werden, unterkommen.

Wir wurden vom Leiter Herrn Dr. Hesse und weiteren Mitarbeitern mit einem kleinen Frühstück freundlich in Empfang genommen. Auch Dirk-Peter Harling für die AG betrieb & gewerkschaft, und zwei weitere Genossen (Kreisschatzmeister Rainer Hamann und Kreistagsabgeordneter Lothar Baumelt) waren an diesem Morgen dabei.
Uns wurde zunächst in einem Büroraum das NLKH und sein Konzept vorgestellt, bevor wir über das Gelände und durch das Gebäude geführt wurden. Das Grundprinzip sei eine Art Familienkonzept, denn viele Patient_innen würden aus desolaten Familienverhältnissen stammen.
Viele Stationen würden gerade zu Wohngemeinschaften umgebaut, es gäbe Ein-, Zwei-, Drei- und Vierbettzimmer in denen die Patient_innen je nach individuellem Bedarf untergebracht werden. Sie sollen zwischenmenschliche Beziehungen zu anderen vertiefen, einige hätten jedoch massive Beziehungsstörungen und es sei grundsätzlich nicht möglich, sie in Mehrbettzimmern unterzubringen. Sie würden allerdings nicht nach Diagnose oder Straftat auf die Zimmer verteilt.
Es solle eine Atmosphäre des Vertrauens zwischen Betreuer_innen, Ärzt_innen usw. auf der einen und Patient_innen auf der anderen Seite geben. Sie „wollen Patienten behandeln und nicht bekämpfen“.
Besonders wichtig sei es, den Patient_innen eine Tagesstruktur beizubringen. Reale Tagesabläufe und Lebensverhältnisse werden so gut es geht ermöglicht: z. B. Einkaufen – wo befinden sich in einem Supermarkt die günstigsten Lebensmittel?
Es gibt eine Schule, die in verschiedene Klassenstufen aufgeteilt ist – von der Grundschulstufe bis zum Realschulabschluss kann alles absolviert werden, im NLKH Moringen gäbe es 30 % funktionelle Analphabet_innen. Die Schule sei sehr wichtig, würde jedoch nur unzureichend finanziert, sie müssen die Lehrer_innen selbst bezahlen, weil es nicht genug Schulpflichtige gibt, um ausreichend Landeszuschüsse zu erhalten. Es wird allgemein viel auf Pädagogik gesetzt, nicht nur auf Ärzt_innen und Psycholog_innen.
Es gibt auch verschiedene Arbeitsmöglichkeiten, in deren Rahmen die Patient_innen nicht nur irgendwie (nach dem Motto: „Schrauben und Muttern heute auseinandersortieren und morgen werden sie zum erneuten sortieren wieder vermischt) beschäftigt werden, sondern sie bekommen eine sinnvolle Arbeit. Sie können z. B. kochen oder sich in der Werkstatt betätigen. Dort werden tatsächlich benötigte Gegenstände produziert, wie beispielsweise Schraubenzieher, die aus verschiedenen Einzelteilen zusammengesetzt werden.
Sie würden je nach Fähigkeiten eingesetzt, vieles müssten sie erst mühsam, wie kleine Kinder lernen und manche seien nicht in der Lage, sich länger, als fünf Minuten zu konzentrieren. Sie würden auch für diese Arbeit entlohnt. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass dies in sieben Lohnstufen geschehe, in die nach zwei verschiedenen Kriterien eingeordnet wird: einerseits nach dem (kapitalistischen) Leistungsprinzip üblich ist und wiederum relativiert nach individuellen Leistungsmöglichkeiten.
Um der Lebensrealität außerhalb des NLKH möglichst nahe zu kommen gibt es, im Hochsicherheitsbereich einen selbstverwalteten Kiosk. Patienten können außerdem Sport treiben und dürfen zeitweise sogar in die „Muckiebude“ – es sei schließlich besser, wenn sie sich dort betätigen, als wenn sie einen Menschen angreifen würden. Weiterhin gibt es eine Kapelle, in der die Patient_innen auch mit Seelsorger_innen reden könnten, die der Schweigepflicht unterliegen. Zur Simulierung von Alltag gibt es auch ein Appartement, das sie mit einem Partner oder einer Partnerin für eine Nacht nutzen können. Hierzu müssten sie allerdings vorher ihrem Partner / ihrer Partnerin ihre Straftat gestehen und zuvor langsam lernen, überhaupt Beziehungen zu führen.
Weiterhin sei die Identifikation mit dem Haus sehr wichtig: Die Patient_innen dürften vieles selbst gestalten, so z. B. die Trennwände zwischen einzelnen Arbeitsbereichen in der Werkstatt, denn, so Herr Dr. Hesse: „selbst gebaute Sachen machen sie nicht kaputt“. Sogar eine Steinstele auf dem Hof haben sie selbst gestaltet.
Die Zäune um das Gelände seien nicht so hoch wie üblicherweise. An den meisten Stellen ist überhaupt kein Zaun (zu sehen), sondern Dornenhecken und in den Fenstern gibt es keine Gitter.
Je nach Lockerungsgrad könnten die Patient_innen das Gelände – zunächst in Begleitung, später zum Arbeiten oder zur Ausbildung tagsüber unbegleitet – verlassen; bei einem hohen Lockerungsgrad sogar für eine Woche zum Besuch von Seminaren. Selbst wenn sie seit zehn Jahren entlassen sind, könnten sich die ehemaligen Patient_innen immer noch im NLKH melden, wenn sie Probleme haben.
Weiter ging es mit der Tour...

Am Nachmittag hatten wir dann, mit Unterstützung einiger Genossen (Kreisvorsitzender Wolfgang Winter, Rainer Hamann und Nils Bethke) aus dem Kreisverband Northeim, einen Stand in der Innenstadt von Northeim.
Unser letztes Ziel an diesem Montag war Einbeck, wo wir weiterhin von Rainer unterstützt wurden, Flyer verteilten und Gespräche mit Bürger_innen führten.

Der Ortsverband Einbeck hatte unseren Auftritt sogar mit einem Schild „Hier ist DIE LINKE“ angekündigt.
[Bericht: Sabrina Vache]